Artikel aus dem Berliner Kurier

Tierarztpraxis Bärenwiese Berlin mobiler Tierarzt

Artikel aus dem Berliner Kurier

Nachts. Ein Tierarzt. Drei kranke Katzen

Von FLORIAN THALMANN und ANNE GOLLING / Berliner Kurier

Der Originalartikel und die Fotos (by Gudath) erschienen online beim Berliner Kurier.

Charly hat gerade keine Lust auf Tierarzt. Nachvollziehbar. Aber: Was muss, das muss.

Charly hat erbrochen, ganz plötzlich, zum ersten Mal vor drei Stunden. Allgemein war das Kätzchen nicht sehr aufgeweckt in der letzten Woche. Als Frauchen Monika (37) von der Arbeit nach Hause kam, war vom Essen noch viel da. Merkwürdig.

Abtasten. Abhorchen. Fieberthermometer. Ein lautes Miau. 39,8 Grad. Erhöhte Temperatur, kein Fieber. „Aber in Zusammenhang mit der Schlappheit“, sagt Florian Reichert, „ist das bedenklich. Da ist was im Busch!“

Charly windet sich um Florian Reicherts Arm. Monika kann gar nicht hinsehen. Reichert sagt: „Das wird gleich noch schlimmer.“ Monika sagt: „Oh nein!“

Charly soll eine Infusion bekommen. Das möchte Charly leider gar nicht. Man kann es ihm nicht verübeln – der kleine Kater ist zehn Wochen alt, hat noch nicht viel gesehen im Katzenleben. Aber: Was muss, das muss.

„Charly, gleich ist alles vorbei. Dann gehen wir nach Hause und schlafen“, sagt Monika. Miau. Sie versucht es mit Luftküssen. „Wir kriegen dich wieder hin!“ Katzenköpfchen streicheln.

Charly soll still sitzen, wenn er die Infusion bekommt. Ein kühner Plan! „Ich mach’ das ja nicht zum ersten Mal“, sagt Reichert.

Recht hat er: Er ist 32, studierte drei Semester Biologie, dann Veterinärmedizin. „Seit ich denken kann, wollte ich Tierarzt werden“, sagt er. Opa besaß ein Aquaristik-Fachgeschäft, Papa arbeitete da, der kleine Florian kümmerte sich um seine Haustiere: Hund, Chinchillas, Meerschweine, Hühner. Erst wollte er Tierpfleger werden, entschied sich dann für die Uni.

Und damit für ein zeitintensives Fach. Jeden Tag lernen in der Prüfungszeit, die Tage und die Nächte durchgeackert. Riesige Anspannung. Fächer, die wenig Spaß machen. Anatomie: tote Tiere sezieren, zu Studienzwecken, in rauhen Mengen. Hunde, Schafe, Katzen, Schweine. „Viele hören deswegen auf“, sagt Reichert. „Zu meinem Hobby ist das Fach nicht geworden, aber es war okay.“ Was muss, das muss.

Wie bei Charly. Spritze. Tropf. Was gegen Übelkeit, was gegen Fieber und Schmerzen. Charly bäumt sich nochmal auf. Miau.

Reichert jobbte nebenbei in einer Tierklinik, arbeitete im Tierheim. Nach dem Studium ging es in die Tierklinik Marzahn, später zum Berliner Tiernotarzt, die Praxis „Bärenwiese“ öffnete als Ergänzung vor zwei Jahren.

Er ist häufig in der Nacht im Einsatz – und der Bereitschaftsdienst, der sich auch zu später Stunde um Berlins Fiffis und Bellos bemüht, wird gut angenommen. „Ich bin da sehr gut angepasst“, sagt er. „Die Nachtarbeit fällt mir nicht schwer.“ Im Bereitschaftsdienst hält sich Reichert für die Patienten bereit. Die wichtigste Regel: Kommt ein Notruf, muss er innerhalb von zehn Minuten im Auto sitzen.

Oft ist er in der Praxis, wartet auf Patienten. Behandlungszimmer, die Wände grün wie die Hoffnung, die Schränke weiß. Auf dem Tresen, verziert mit einem Bären mit verbundenem Fuß, steht eine Orchidee. Auch Reicherts Hund Humphrey ist häufig dabei – wie heute.

Charly ist verarztet, doch der nächste Patient wartet. Behandlungstisch abwischen und desinfizieren. Wuschel ist sieben Jahre alt, Kater, schwarz, ein ganz lieber. Vor einer Stunde war was Rotes in der Tränenflüssigkeit, sagt Jamila (18). Also: Tierarzt. Denn was muss, das muss.

Fieberthermometer. Wuschel zuckt mit keiner Wimper. „Der ist ja knallhart“, sagt Reichert. Leicht erhöhte Temperatur, der Stress, wahrscheinlich.

Im Haushalt leben noch zwei andere Katzen, sie zoffen sich gern. Offenbar hat Wuschel was abgekriegt. Reichert sagt: „Jetzt kriegst du schöne Disco-Augen.“ Er betäubt das Auge, träufelt Fluorescein hinein – es macht, im Schwarzlicht betrachtet, Verletzungen sichtbar. „Wenn da ein Riss in der Hornhaut wäre, würde die Stelle leuchten.“ Und sie leuchtet. Ein großer Defekt an der Hornhaut, sagt der Arzt. „Verdammte Axt“, sagt Anke (46), Jamilas Mama. „Sie glauben gar nicht, wie ich jetzt leide. Er ist doch mein Baby!“ Knapp sieben Jahre gehört Wuschel bereits zur Familie. Sie zogen ihn mit der Flasche auf. Für das Auge gibt’s Medizin. Was muss, das muss.

Tschüss, Wuschel! „Der war gut“, sagt Reichert. „Es gibt oft solche Aggro-Katzen, da kommt man überhaupt nicht ran.“

Ruhepause. Reichert sitzt im Foyer der Praxis auf dem Boden, ruht sich aus. Manchmal passiert gar nichts in einer Nacht, aber es gibt Nächte mit 10 oder 12 Fällen.

Hunde und Katzen kommen am häufigsten, aber auch Meerschweinchen, Kaninchen, Vögel. Wellensittiche, die gegen Scheiben knallen, Hunde, die die Drogen ihrer Besitzer fressen. Auch Frettchen gab es schon – „und einmal habe ich eine Peking-Ente genäht“, erzählt er. „Als der Besitzer anrief, dachte ich, ich werde reingelegt.“

Nix besonderes. „Verrückt sind eher die menschlichen Sachen“, sagt Reichert. Bei Hausbesuchen erlebt er jedes Milieu, jeden Kiez. „Ich gehe in die intimste Privatsphäre der Leute, gerate in die unmöglichsten Konstellationen. Man sitzt dort auf der Couch, bekommt plötzlich das Leben der Menschen erzählt.“

Manchmal wird er mehr involviert, als er möchte, sagt er – aber: Was muss, das muss.

Telefon, klingeling. Eine Katze, es ist die dritte an diesem Abend. Baumschulenweg, Hausbesuch. Rosalie ist sieben Jahre alt und wartet zur Sicherheit lieber unter der Couch. Schon morgens fing sie an zu niesen, es rasselte beim Atmen. Frauchen Corinna (36) hat Angst, dass es eine Lungenentzündung ist. Nix gefressen, nix getrunken. Thermometer, 41 Grad. Ein massiver Infekt.

Corinna sagt zu Rosalie: „Wenn du nicht krank wärst, würdest du die Kuschelterroristin raushängen lassen.“ Aber Rosalie will nicht kuscheln, sie will nichts. Was muss, das muss. Infusion. Kurze Zeit später frisst Rosalie.

Am Auto, nach Mitternacht. „Ich würde gern schlafen“, sagt Reichert. Dann klingelt das Telefon. Klingeling. Ein Hund mit massivem Erbrechen. Reichert verschwindet in die Nacht. Was muss, das muss.


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